Mittwoch, 03. Juni 2020 um 20.15 Uhr

"A Star Is Born"

USA 2018   l   Genre: Drama/Romanze

Dauer: 135 Min.   l   FSK 12 - deutsche Fassung

Regie: Bradley Cooper
Drehbuch: Eric Roth, Bradley Cooper, Will Fetters

 

Die Hollywood-Tragödie „Ein Stern geht auf“ aus dem Jahr 1937 basiert auf der fünf Jahre zuvor veröffentlichten Showbusiness-Satire „What Price Hollywood?“ und wurde bereits 1954 und 1976 neu verfilmt. Die ersten Versionen spielten im Hollywood-Milieu, die dritte mit Kris Kristofferson und Barbra Streisand verlegte das Sujet in die Welt der Popmusik, was die aktuelle Adaption nun aufgreift.
 
Als der Country-Star Jackson Maine (Bradley Cooper) zufällig einen Auftritt der singenden Kellnerin Ally (Lady Gaga) miterlebt, erkennt er sofort das Talent der unbekannten Musikerin. Ally hat ihren Traum vom Ruhm zwar mehr oder minder aufgegeben, legt aber, nachdem Jackson sie bei einem seiner Konzerte zu einem spontanen Duett auf die Bühne holt, über Nacht eine steile Musikkarriere hin. Kurz vor ihrem Aufstieg werden Ally und Jackson ein Liebespaar. Doch während Ally als Popstar immer größere Erfolge feiert, zerbricht der inzwischen eher erfolglose Jackson an seiner Alkohol- und Drogensucht. Wie lang hält die Liebe diese Belastung aus?
 
Im Mittelpunkt des Dramas steht die schwierige Beziehung zwischen Jackson und Ally. Die anderen Figuren, darunter Jacksons fürsorglicher Halbbruder Bobby (Sam Elliot) und Allys umtriebiger Manager Rez (Rafi Gavron), den Jackson als Konkurrenten wahrnimmt, finden am Rand statt. Selbiges gilt für Allys kometenhaften Aufstieg, der wie von Zauberhand und quasi zwangsläufig vonstatten geht.
 
Wenn Schauspieler/innen Regie führen, legen sie meistens ein besonderes Augenmerk auf die Dialoge und Performances – und vergessen oft die übrigen Gestaltungsmöglichkeiten eines Kinofilms. Der Hollywood-Star Bradley Cooper begeht diesen Fauxpas nicht. Im Gegenteil nutzt seine Version der zeitlosen, hier auf zwei Personen aufgeteilten Ruhm-und-Absturz-Story gekonnt filmische Mittel, um eine vibrierende Atmosphäre herzustellen. Das kommt insbesondere bei den vielen Live-Konzerten zum Tragen, die der „Black Swan“-Kameramann Matthew Libatique dynamisch einfängt. Zusammen mit dem wirklichkeitsnahen Tondesign kommt im Kinosaal echte Konzertstimmung auf.
 
Der besondere Clou des Dramas ist dennoch der Cast. Lady Gaga („American Horror Story“) begeistert in ihrer ersten Kinohauptrolle mit einem nuancierten Spiel, das viel Raum für Zwischentöne lässt. Dabei ist es allein schon ein Highlight, den sonst so extrovertierten Popstar ohne Make-up und pompöse Bühnenoutfits zu sehen. Bradley Cooper („Silver Linings“) verkörpert den Part als suchtkranker Musiker auf dem absteigenden Ast ebenfalls sehr eindringlich. Wenn er sich durch die halblangen Haare fährt, den Bart krault oder auf der Bühne mit tiefer Stimme Country-Songs intoniert, wirkt das durchweg charismatisch. Zugleich vermittelt Cooper glaubhaft die inneren Qualen, die Jackson in eine tiefe Depression stürzen.

Quelle: programmkino.de

Mittwoch, 17. Juni 2020 um 20.15 Uhr

"Auerhaus"

Deutschland 2019   l   Genre: Drama/Komödie

Dauer: 104 Min.   l   FSK 12

Regie & Drehbuch: Neele Leana Vollmar
Prädikat besonders wertvoll

 

Einfühlsames Drama über sechs Jugendliche, die eine WG gründen, um ihren Freund vom Selbstmord abzuhalten.

Sie wohnen in einem kleinen Dorf mitten in der Provinz, die Chancen nach dem Abi sehen weniger rosig aus. Höppner (Damian Hardung) und seine drei Freunde Frieder (Max van der Groeben), Vera (Luna Wedler) und Cäcilia (Devrim Lingnau) schwören sich, kein langweiliges Leben führen zu wollen. Zu diesem Zweck gründen sie in einem alten Familien-Landhaus eine neue Wohngemeinschaft und nennen sie „Das Auerhaus“ – nach dem Ohrwurm „Our House“ von Madness.

Jeder bringt beim Einzug seine eigenen Probleme mit ins Auerhaus. Höppner drückt sich vor der Bundeswehr und will in Berlin einen Neuanfang starten, Frieder leidet an Depressionen und hat bereits einen Selbstmordversuch hinter sich, Cäcilia sucht nach Liebe und einem Ort, wo sie ihre Musik ausleben kann, während Vera der Provinz-Langeweile entkommen möchte. Über kurz oder lang ziehen ebenso die Pryomanin Pauline (Ada Philine Stappenbeck) und Harry (Sven Schelker) in die WG ein, die beide vor den Pflichten des Erwachsenwerdens entfliehen möchten. Obwohl bei allen der Sinn nach Freiheit an erster Stelle steht, kommt es im Auerhaus zu vielen Konfliktsituationen.

 

„Auerhaus“ – Hintergründe

Basierend auf der gleichnamigen Romanvorlage von Bov Bjerg aus dem Jahr 2015, inszeniert Regisseurin Neele Leana Vollmar („Mein Lotta-Leben“) das feinfühlige Drama übers Erwachsenwerden. Der lakonische Roman wurde bereits mehrfach für die Bühne inszeniert, der Titel ist tatsächlich vom 80er-Hit „Our House“ von Madness inspiriert.

In den Hauptrollen wird das Who-is-Who der deutschen Nachwuchsdarsteller verpflichtet, allen voran Damian Hardung („Club der roten Bänder“), Max von der Groeben („Fack Ju Göhte“-Reihe) und Luna Wedler („Dem Horizont so nah“). Namhafte Unterstützung erhalten sie von Milan Peschel und Hans Löw.

Quelle: kino.de

 

KOKI-SPEZIALE

Donnerstag, 18. Juni 2020 um 19.30 Uhr

"Schmetterling und Taucherglocke"

mit Gastreferent Dr. Julius Deutsch (Träger des Bundesverdienstkreuzes)

Frankreich/USA 2007   l   Genre: Drama

Dauer: 118 Min.   l   FSK 12

Regie: Julian Schnabel

Drehbuch: Ronald Harwood nach dem gleichnamigen, autobiografischen Roman von Jean-Dominique Bauby - Chefredakteur des Modemagazins ELLE

 

Die Erinnerung wird zur letzten Zuflucht: Julian Schnabel hat den autobiografischen Bestseller von Jean-Dominique Bauby verfilmt – als Abrechnung, die zugleich eine Aussöhnung mit dem Leben ist.


Man möchte auf keinen Fall an seiner Stelle sein. Doch dieser Film lässt dem Zuschauer keine andere Wahl. Hinterher kann man es subjektive Kamera nennen und die Zusammenarbeit von Schnitt, Kamera und Regie loben, aber währenddessen ist es, als ob man es selbst erleiden müsste: Menschen, die sich mitleidig und erschrocken über einen beugen, die einen herumschieben und Dinge sagen, ohne im Geringsten darauf einzugehen, was man selbst sagt und will.

Dann setzt sich die schreckliche Erkenntnis durch: Ich höre sie, aber sie hören mich nicht. Und dann die noch schlimmere: Ich bin von Kopf bis Fuß gelähmt. Schließlich taucht im Gesichtsfeld ein Chefarzt auf, der mit professioneller Munterkeit erläutert: »Ich sage es ganz direkt: Sie haben das sehr seltene Locked-in-Syndrom.« So nennt man also in Medizinsprache den Zustand, wenn man bei vollem Bewusstsein vollkommen hilflos ist.

Das Kino ist gewissermaßen dazu erfunden worden, sich an die Stelle von anderen zu versetzen. Oft erlebt man das als angenehme Selbstvergrößerung – etwa wenn man leichtfüßig wie Julie Andrews' »Mary Poppins« oder breitbeinig wie John Wayne aus dem Kino kommt.


Schmetterling und Taucherglocke aber versetzt den Zuschauer an die Stelle eines nach einem Schlaganfall Gelähmten. Das unbedingt Sehenswerte dieses Films besteht genau darin: Er versetzt den Zuschauer in den schrecklichen Zustand und führt ihn dann auf ganz erstaunliche Weise wieder heraus: Vom Gefesseltsein in der Taucherglocke, da verspricht der Titel kein Wort zu viel, zur Schwerelosigkeit eines Schmetterlings.

Diese Verwandlung beschreibt Jean-Dominique Bauby auch in der Vorlage, deren Wunder darin besteht, dass es sie überhaupt gibt. Bauby nämlich hat sich nach seinem im Alter von 44 erlittenen Schlaganfall vom beschriebenen Locked-in-Syndrom nie mehr erholt; sein Buch hat er mit dem Einzigen geschrieben, was er noch bewegen konnte: einer Wimper. Aufopferungsvolle Krankenschwestern haben ihm beigebracht, mit dieser Wimper zu kommunizieren.

 

Der Film zeigt es: Die Logopädin zählt die Buchstaben auf nach der Häufigkeit, in der sie im Französischen vorkommen, und notiert sich, wann er mit der Wimper zuckt. Den ersten Satz, den er ihr auf diese Weise diktiert, ist: »Ich möchte sterben.« Sie empfindet das als Affront. Später wird er ihr ein »Entschuldigung« zuzwinkern, auf das sie dankbar und erleichtert reagiert, während seine Stimme aus dem Off anmerkt, wie simpel gestrickt doch die Frauen seien. Die Verschränkung von Schilderung und Kommentar hat der Film dem Buch voraus. Durch sie verstärkt sich noch einmal der Zug, der diesen Bericht aus dem Innern eines Locked-in-Syndroms erst erträglich macht: die Selbstironie. Der ehemalige Chefredakteur der »Elle« entdeckt sie im Zustand der Bewegungsunfähigkeit als bestes Mittel gegen Selbstmitleid und Verzweiflung. Sie hilft ihm auch, sich selbst gegenüber ehrlich zu sein: Er weiß, dass er gesund kein sympathischer Mensch war.

So handelt »Schmetterling und Taucherglocke« von der Macht der Selbstironie, aber auch von der Macht einer Schauspielerstimme, in diesem Fall der Mathieu Amalrics. Die Darstellung eines Gelähmten lässt ihm im wahrsten Sinne des Wortes nicht viel Spielraum, umso faszinierender ist es, wie er allein durch seine Stimme den Zuschauer mitreißt und fortträgt. So hilflos sein Körper, so agil ist der Geist, der sich hier ausschließlich aus dem Off artikuliert. Scharfzüngig kommentiert er das Treiben von Schwestern und Ärzten, wechselt von Spott zu Verzweiflung, von echter Freude zu Häme und lässt uns immer wieder auch die Angst heraushören, die diesen Mann permanent begleitet. Die Monteure, die ihm ein Telefon installieren und sich darüber lustig machen, dass der Gelähmte doch allenfalls hineinstöhnen kann, wären überrascht, mit wie viel Humor er ihnen entgegnet.

Nach und nach verlässt der Film die enge subjektive Perspektive und weitet den Blick auf Baubys weitere Umgebung und vor allem auf seine Vergangenheit. Obwohl sich an seiner bedrängenden Situation nichts ändert, schwingt sich der Film zu immer größerer Leichtigkeit auf. Fantasie und Erinnerung werden Bauby zur letzten Zuflucht, zum persönlichen Paradies. »Schmetterling und Taucher­glocke« ist kein Film über ein schreckli­ches Schicksal, sondern über die Größe des menschlichen Geistes.
Quelle: epd-film.de

 

 

 

 

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